Babyernährung
Kann ein Baby selbst entscheiden, was es isst?

"Baby-led Weaning", der vom Baby ausgehende Beikost-Start, kursiert als Thema in vielen Internetforen. Aber funktioniert das wirklich? "Ja", sagt die englische Stillberaterin und Hebamme Gill Rapley, "und es hat viele Vorteile." ELTERN fragte eine Familie, wie dieser etwas andere Beikost-Start in der Praxis aussieht.

Inhalt: 
Babys selber essen lassen - so funktioniert es ganz konkret"Am schönsten sind die entspannten gemeinsamen Mahlzeiten""Babys spüren genau, was sie brauchen"Eine Welt ohne Babybrei?

Babys selber essen lassen - so funktioniert es ganz konkret

Baby led Weaning
© iStock, monkeybusinessimages
  • Los geht's, wenn das Baby etwa ein halbes Jahr alt ist und Interesse am Essen zeigt.
  • Am Anfang finden Mahlzeiten grundsätzlich nur dann statt, wenn das Baby satt ist. Denn dann ist es experimentierfreudig. Hat es Hunger, kriegt es Milch. So verläuft der Beikost-Start entspannt, weil das Baby nicht das Gefühl hat, dass ihm etwas weggenommen wird. Mit der Zeit werden die Milchmahlzeiten von selbst weniger.
  • Das Baby bekommt alle Lebensmittel nur angeboten, ihm wird nichts in den Mund gesteckt.
  • Teller sind am Anfang unnötig: Das Baby isst entweder direkt vom Tisch (Wachstuchdecke besorgen!) oder vom Tablett an seinem Hochstuhl.
  • Das Baby isst von Anfang an beim normalen Familienessen mit. Voraussetzung dafür ist, dass die Familie sich gesund und vollwertig ernährt (keine Fertiggerichte, nichts zu Fettes, zu stark Gewürztes, nicht zu viel Süßes) und dass salzarm gekocht wird.
  • Wichtig ist, dass das Baby aufrecht sitzt (entweder im Hochstuhl oder auf dem Schoß). Hustet oder würgt das Baby beim Essen, müssen Eltern sich keine Sorgen machen: Ihr Baby ist nicht "fast erstickt", sondern seine natürlichen Schutzmechanismen haben dafür gesorgt, dass kein Essen in seine Luftröhre gelangt.
  • Alle Nahrungsmittel werden in handliche Portionen zerteilt, die das Baby gut greifen kann. Praktisch sind Obst- und Gemüsesticks, die so lang sind, dass ein Ende herausschaut, wenn das Baby sie mit der Faust umschließt. Maiskörner, Erbsen und andere sehr kleine Lebensmittel kann das Baby erst greifen, wenn es mit etwa neun Monaten den Pinzettengriff mit Daumen und Zeigefinger beherrscht.
  • Bei jeder Mahlzeit wird dem Baby eine Auswahl an gesunden Lebensmitteln angeboten. Die muss nicht riesig sein, aber insgesamt abwechslungsreich. Das Baby entscheidet selbst, ob und wie viel es davon essen möchte. Dabei ist Geduld wichtig: Oft betasten Babys erst einmal alle Lebensmittel, bevor sie sich für eins entscheiden.

"Am schönsten sind die entspannten gemeinsamen Mahlzeiten"

Babybrei? Kennt Sima, 9 Monate, nicht. Genau wie ihr großer Bruder Milo, 3, durfte sie von Anfang an selbst essen, anstatt gefüttert zu werden. Ihre Mutter Anke erzählt, wie es dazu kam - und was sie am "Baby-led Weaning", also am "Baby-geführten Entwöhnen" schätzt:
Als ich mit Milo schwanger war, hatten mein Mann und ich schon ein Brei-Kochbuch im Haus. Denn dass man Babys Löffel für Löffel an feste Kost heranführen muss, schien uns selbstverständlich. Doch dann las ich über ein Baby, das mit Fingerfood aufwuchs, suchte nach mehr Informationen im Internet, stolperte dort über die Idee des ,Baby-led Weaning‘, bei dem das Baby von Anfang an selber isst. Da dachte ich gleich: Das ist was für uns! Besonders gefiel mir die Vorstellung, dass unser Baby gleich an den gemeinsamen Familienmahlzeiten teilnimmt, anstatt separat gefüttert zu werden. Mein Mann und ich besorgten uns also das Buch von Gill Rapley (siehe Buchtipp auf der nächsten Seite) und legten begeistert los. Schnitten Gurken, Äpfel und Bananen in handliche Stücke, kochten Nudeln, Karotten und Kohlrabi und ließen Milo mit etwa einem halben Jahr probieren, worauf er Lust hatte. Wir kümmerten uns nicht um die Mengen, die er aß, sondern vertrauten darauf, dass er selbst spüren würde, wie viel er brauchte. Und haben damit die allerbesten Erfahrungen gemacht: Milo ist ein unkomplizierter kleiner Genießer mit einem Faible für Obst und Gemüse aller Art. Bei Sima, seiner kleinen Schwester, ist es für uns nun schon ganz selbstverständlich, dass Babys keine Extra-Babymahlzeiten brauchen, sondern einfach am Familientisch mitessen. Mit knapp drei Monaten hat sie zum ersten Mal an einem Stück Banane gelutscht, inzwischen futtert sie sich mit Begeisterung durch unseren Speiseplan und entwickelt sich prächtig. Das Beste am ,Baby-led Weaning‘ ist, dass es die gemeinsamen Mahlzeiten so entspannt: Niemandem wird das eigene Essen kalt, weil erst noch das Baby gefüttert werden muss. Keiner zählt, wie viel die Kinder nun genau gegessen haben, und sorgt sich darum, ob es zu viel oder zu wenig war. Stattdessen erleben unsere Kinder von Anfang an, dass Essen mit Genuss zu tun hat - und dass sie selbst wissen, was sie brauchen, um satt zu werden."

"Babys spüren genau, was sie brauchen"

Die Idee, Babys selber essen zu lassen, ist nicht neu. Doch dass Babys ausschließlich Fingerfood brauchen, um groß und stark zu werden - das hat die englische Hebamme und Stillberaterin Gill Rapley als Erste erforscht. Sie prägte den Begriff des "Baby-led Weaning", um Eltern zu zeigen, dass es eine Alternative zum klassischen Breifüttern gibt. ELTERN-Autorin Nora Imlau sprach mit der dreifachen Mutter.