Experteninterview mit einer Schlafmedizinerin
„Es muss langweilig werden“

Über schwierige Schläfer und scheinbar hoffnungslose
 Fälle sprach ELTERN-Autorin Jessika Rose mit der Schlafmedizinerin Barbara Schneider – sie ist Leiterin des Kinderschlaflabors am Kinderkrankenhaus St. Marien in Landshut.

Schlafenszeit
© iStock, Yuri_Arcurs
Inhalt: 
Gibt es von Natur aus schlechte Schläfer? Und daran lässt sich nichts ändern? Also kann doch jedes Kind schlafen lernen? Was sind Voraussetzungen für guten Schlaf? Was habe ich denn bei meiner
Tochter falsch gemacht, wenn sie trotz
aller Mühe schlecht einschläft?
Aber irgendwann muss es doch
besser werden. Wie schaffe ich es denn, bestehende Routinen zu ändern?Was heißt Langweiligwerden ganz
konkret, wenn mein Kind auf keinen Fall allein einschlafen will?
Und wenn sich das Theater trotzdem stundenlang hinzieht? Wann hat sich ein Kind normalerweise
an die neue Situation gewöhnt?
Und wenn nicht? Es gibt Eltern, die alles ausprobiert haben und einfach nur noch verzweifelt sind.

Gibt es von Natur aus schlechte Schläfer?

Ja, das Schlafverhalten hängt zwar einerseits von Gewohnheiten ab, andererseits aber auch davon, was das Kind mitbringt; vieles ist genetisch bedingt. Manche Kinder mögen das Gefühl des Einschlafens nicht, andere, wie zum Beispiel Ihre Tochter, sind sehr sensibel und nähebedürftig, sie können schlecht loslassen. Nicht zuletzt bestimmt unsere innere Uhr, wie viel Schlaf wir benötigen und ob wir eher zu den Nachteulen oder zu den Frühaufstehern gehören.
 

Und daran lässt sich nichts ändern?

In Maßen doch: Innere Uhren lassen sich beeinflussen, zum Beispiel, indem die Familie feste Schlaf- und Wachzeiten einhält. Auch Kinder, die viel Nähe brauchen, schaffen es irgendwann, loszulassen. Wichtig ist, bei schlechten Schläfern die Einschlafsituation so zu korrigieren, dass das Kind lernt, allein ein- und damit irgendwann auch durchzuschlafen.
 

Also kann doch jedes Kind schlafen lernen?

Barbara Schneider arbeitet als Schlafmedizinerin in einem Kinderschlaflabor
© PR

Grundsätzlich ja. Allerdings ist ein Baby frühestens mit einem halben Jahr in der Lage, mehrere Stunden am Stück zu schlafen. Wenn es damit schon früh am Abend beginnt, haben die Eltern für ihren eigenen Schlaf natürlich wenig davon. Hinzu kommt, dass Kinder bis zwei Jahre auch in vielen kleinen Etappen schlafen können – und trotzdem ausgeruht sind. Das Durchschlafen müssen sie also tatsächlich erst lernen. Einige schaffen das innerhalb von wenigen Monaten, andere brauchen dafür Jahre.
 

Was sind Voraussetzungen für guten Schlaf?

Ich muss mich wohl und sicher fühlen. Da geht es den Kleinsten nicht anders als uns Erwachsenen. Wir wachen nachts häufig auf, machen unterbewusst einen Sicherheitscheck und schlafen weiter.
 

Was habe ich denn bei meiner
Tochter falsch gemacht, wenn sie trotz
aller Mühe schlecht einschläft?


Fragen Sie lieber: „Was machen wir als Eltern zu gut?“ Mütter und Väter sind sehr erfinderisch, wenn es um attraktive Einschlafrituale geht. Manche Eltern fahren ihr Baby mit dem Auto in den Schlaf, andere tragen es herum. Ihre Tochter hat das Gestilltwerden als wunderbare Einschlafmethode kennengelernt. Die Brust hat ihr auch nachts – beim kurzen Aufwachen inklusive Sicherheitscheck – geholfen, wieder in den Schlaf zu finden. Daran ist erst mal überhaupt nichts falsch. Für das Baby sowieso nicht, die Kinder haben ja mit ihrem Schlafverhalten meist kein Problem. Die Schwierigkeiten beginnen, wenn die Eltern nicht mehr mitspielen wollen, weil ihnen das Ritual lästig wird oder das Schlafdefizit zu groß.

Aber irgendwann muss es doch
besser werden. Wie schaffe ich es denn, bestehende Routinen zu ändern?

Mit Geduld und Konsequenz. Sie müssen davon überzeugt sein, das Richtige zu tun. Viele Eltern arbeiten bewusst aufwendige Abendrituale ab und signalisieren ihrem Kind damit, dass die volle Aufmerksamkeit ganz bei ihm ist. Dabei wäre es viel besser, für das Baby möglichst langweilig zu werden – damit es das Interesse am abendlichen Einschlaftheater verliert. Manchmal hilft es auch, wenn der Partner das Kind ins Bett bringt.

Was heißt Langweiligwerden ganz
konkret, wenn mein Kind auf keinen Fall allein einschlafen will?


Dass Sie nach dem Gutenachtsagen zwar in der Nähe seines Bettchens bleiben, aber Blickkontakt und damit Aufmerksamkeit vermeiden. Wahrscheinlich wird Ihr Kind weinen. Dann sagen Sie ein paar beruhigende Sätze, aber nicht viel mehr. Und nehmen Sie es nicht hoch. Wichtig: Sie bleiben ruhig – auch wenn das bei längerem Geschrei schwerfällt.
 

Und wenn sich das Theater trotzdem stundenlang hinzieht?

Auch dann. Dass es sich Stunden hinzieht und an den nächsten Abenden und Nächten nicht besser wird, damit müssen Sie rechnen. Deswegen empfehle ich Müttern und Vätern auch, sich am Bett abzuwechseln. Ich kenne sogar Eltern, die Urlaub genommen haben, um wenigstens tagsüber schlafen zu können.
 

Wann hat sich ein Kind normalerweise
an die neue Situation gewöhnt?


Wenn Sie konsequent langweilig bleiben, meist innerhalb einer Woche. Natürlich hängt auch das wieder stark vom Charakter, von den individuellen Bedürfnissen des Kindes und vom Biorhythmus ab. Mit Infekten oder beim Zahnen gibt es oft Rückschläge, da will man – Konsequenz hin oder her – bei seinem Kind sein und es trösten. Aber wenn ein Ein- oder Zweijähriges erst gelernt hat, die nächtlichen Wachphasen selbstständig zu regulieren und allein einzuschlafen, wird nach einigen schlaflosen Nächten wieder Ruhe einkehren.
 

Und wenn nicht? Es gibt Eltern, die alles ausprobiert haben und einfach nur noch verzweifelt sind.

Die typischen Ratgeber-Tipps funktionieren eben nur bei einem Teil der Familien. Kinder sind einfach zu verschieden. Eltern, die mit ihrem Latein am Ende sind, empfehle ich, sich einen Termin bei einer professionellen Schlafberatung geben zu lassen.
 

Von:Jessika Rose