Was wäre, wenn ...
Jetzt schon über Trennung reden?

In einer Beziehung sollte man über alles sprechen. Ehrlich? Auch darüber, wie es wäre, wenn die Liebe zerbricht? Unbedingt, sagen Experten! Aber worüber genau? Und wie?

Was wäre, wenn wir uns trennen?
© iStock, Xsandra

„Ich mag gar nicht daran denken!“ Sagen wohl viele, die gerade sehr verliebt sind, wenn man sie darauf anspricht, dass die Liebe auch enden könnte. „Es ist aber wichtig, daran zu denken, gerade in Zeiten, in denen das Paar glücklich ist“, sagt Carola Fuchs. Die Mutter einer Tochter war auch einmal verliebt.„Auf Wolke sieben“, wie sie sagt. Niemals hätte sie gedacht, dass ihre Beziehung im Kampf um das gemeinsame Kind enden würde. Sie hat das Buch „Mama zwischen Sorge und Recht“ über ihre aberwitzigen Erfahrungen nach der Trennung geschrieben und sagt heute: „Ich war zu blauäugig. Meine Geschichte zeigt ziemlich gut, wie sich Menschen in einer Krise verändern können.“ Seitdem versucht sie, glückliche Paare für das Thema Vorsorge zu sensibilisieren.
 
Vorsorge, das klingt ja auch erst mal gut. Wir gehen zu Vorsorge-Untersuchungen beim Arzt, wir schließen Versicherungen ab, wir schreiben – das fällt allerdings meist schon schwerer –Testamente. Nur in Sachen Beziehungs-Vorsorge tun die meisten – nichts.
 

„Die wenigsten sprechen in guten Zeiten über ein mögliches Ende ihrer Beziehung“, sagt Diplompsychologe Christian Hemschemeier aus Hamburg. Das findet er normal: „Wenn man verliebt ist, funktioniert das Gehirn einfach anders.“ Deshalb rät er Paaren gern zur Hochzeit: „Die Ehe ist nicht nur ein romantischer Akt, sie ist vor allem auch ein ziviler Vertrag, indem viel Wichtiges geregelt wird.“ Die Ehe hilft also, eine Trennung später einfacher zu machen? Für Paare mit Kindern trifft das nach seiner Aussage zu. Am Ende ist es aber für Verheiratete wie für Nicht-Verheiratete gleich wichtig, sich über gewisse Dinge vorsorglich zu unterhalten.
 

Besonders über diese drei Punkte:

1. Überlegungen zu Geld und Besitz können gut in einem Ehevertrag festgehalten werden. Darin werden Vereinbarungen zum Güterstand und Erbrecht getroffen. Für den Fall einer Trennung gibt es darin auch Passagen zu Unterhalt, Versorgungsausgleich, Hausrat und Wohnung. Wer nicht gleich einen Vertrag möchte, sollte dennoch einfach mal aufzuschreiben, was man besitzt, wer welche Versicherungen unterhält und wer sich im Falle einer Trennung was wünschen würde.

2. Vereinbarungen über die Kinder sind oft deutlich heikler als die übers Geld. Verschiedene Modelle sind denkbar: Beim Residenzmodell bleiben sie bei einem Elternteil wohnen, während der andere Elternteil ein Umgangsrecht hat, zum Beispiel alle 14 Tage am Wochenende. Beim Wechselmodell pendeln die Kinder zwischen Mutter und Vater und verbringen ungefähr gleich viel Zeit hier wie dort. Beim Nestmodell bleiben die Kinder in ihrem Zuhause, und die Eltern wechseln sich mit dem Dort-Wohnen ab.

3. Wie viel arbeiten wir? Wollen oder müssen beide Elternteile nach der Trennung arbeiten? Falls ja, beide Vollzeit? Oder beide Teilzeit? Oder soll die Frau nicht arbeiten, dafür aber von ihrem Mann Unterhalt bekommen? Oder umgekehrt? Ist eine Kinderfrau denkbar und zu zweit zu finanzieren? Oder ein Au-pair? Wie lang ist welchem Kind in welchem Alter Fremdbetreuung zuzumuten? Nicht länger als bis 15 Uhr? Soll ein Elternteil die Hausaufgaben betreuen oder kommt eine Ganztagsschule infrage?
 

Paartherapeut Hemschemeier rät Paaren, diese Fragen so früh wie möglich zu besprechen und die Antworten schriftlich festzuhalten, als Notiz, an die sie sich bestenfalls erinnern, wenn die Beziehung endet.
Zwar sind Vereinbarungen zur Betreuung der Kinder – im Gegensatz zu einem Ehevertrag über Güterstand, Unterhalt und Erbrecht – nicht rechtlich bindend, dennoch findet auch Ingeborg Rakete-Dombek, Notarin und Fachanwältin für Familienrecht in Berlin, sie sinnvoll. „Um Kinder wird immer häufiger gestritten und gekämpft, denn sie sind der einzig warme Ort in einer kalten Welt“, sagt sie. Die streitenden Eltern würden ihre Interessen oft über die der Kinder stellen. Vorsorge-Gespräche über ein mögliches Ende der Beziehung könnten den Kindern einiges ersparen.
 

Nur: Wie spricht man solche Themen an, ohne den anderen vor den Kopf zu stoßen?

Paartherapeut Hemschemeier rät, einen Zeitpunkt zu wählen, zu dem keine aktuellen Probleme zu bewältigen sind, und sich eine Brücke zum Thema zu suchen. „Du Schatz, ich habe gerade einen unfassbaren Zeitungsartikel gelesen, darin ging es um ein Paar, das sich bis aufs Blut um das gemeinsame Kind streitet. Wie würden wir das eigentlich handhaben? Was wäre dir besonders wichtig?“
 
Das wäre ein guter Anfang für das Gespräch über das Ende. Über das Ende, das hoffentlich nicht kommen wird.
 
Spruchreif
„Nur wer immer wieder das Unmögliche versucht, erreicht das Mögliche“ (Hermann Hesse). Mit diesem Spruch begrüßt Paartherapeut Christian Hemschemeier seine Kunden auf der Website www.hemschemeier.de. Und irgendwie passt er auch ganz hervorragend zu diesem Text.
 

Von:Lisa Harmann

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