ADHS
Ist Hyperaktivität eine Modekrankheit?

Zwischen 300.000 und 500.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland sind betroffen von ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätsstörung). Deutlich höher ist die Zahl der Kinder, bei denen die Diagnose ADHS nicht eindeutig gestellt werden kann, weil die Symptome unklar sind.

Hintergrund zum Thema ADHS

ADHS: Ist Hyperaktivität eine Modekrankheit?

Wird ADHS beziehungsweise ADS vererbt?
Das kann sein. Bei der Entstehung von ADHS spielen genetische und umweltbedingte Faktoren eine Rolle. Verwandte ersten Grades haben ein etwa fünffach erhöhtes Risiko, an ADHS zu erkranken.

Kann eine spezielle Ernährung helfen?
Nicht zwangsläufig. Richtig ist, dass ein sehr kleiner Teil der Kinder mit ADHS eine Unverträglichkeit hat gegen bestimmte Nahrungsstoffe. Verzichten sie auf diese, lindern sich die Symptome – aber nicht so effektiv wie durch Medikamente oder Verhaltenstherapie.

Sind ADHS-Kinder weniger begabt?
Nein. Kinder mit ADHS sind normal intelligent. Allerdings haben sie es durch die ADHS-Symptome schwerer, ihre Fähigkeiten auch zu nutzen, so dass sie oft hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben.

Wie wird die Diagnose ADHS gestellt?
Der Arzt untersucht das Kind eingehend und bittet die Eltern und Lehrer um genaueste Schilderungen des kindlichen Verhaltens. Labor- oder psychologische Untersuchungsverfahren gibt es nicht.

Machen ADHS-Medikamente süchtig?
Nein. Erwiesen ist, dass Kinder, deren ADHS nicht behandelt worden ist, ein höheres Risiko haben, in der Pubertät zu Drogen zu greifen, um ihre innere Anspannung und ihre Schwierigkeiten mit der Umwelt zu lindern.

Interview

ELTERN FAMILY sprach mit Professor Dr. med. Aribert Rothenberger, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Zentrum für Psychosoziale Medizin, Universität Göttingen

ADHS sei eine Krankheit unserer hektischen Zeit, heißt es. Ist das so?
Nein. ADHS hat es schon immer gegeben, sonst hätte Heinrich Hoffmann nicht seinen Zappel-Philipp in Szene gesetzt. Die Störung kommt weltweit vor - und zwar in allen Kulturen etwa gleich häufig. Auch hat ADHS in den vergangenen Jahren nicht zugenommen - allerdings sind Medien und Gesellschaft mittlerweile für dieses Phänomen sensibilisiert und berichten häufiger darüber.

Warum nennt man es nicht einfach "Zappel-Philipp-Syndrom", wie viele Eltern ohnehin sagen?
Die Unruhe, also "der Zappel-Philipp", ist bei kleinen Kindern mit ADHS zunächst einmal das Auffälligste. Erst später wird klar, dass auch Aufmerksamkeitsprobleme eine wichtige Rolle spielen.

Wann genau sprechen Sie bei einem Kind von ADHS?
Wenn das Kind in drei Verhaltensbereichen auffällig ist: wenn es unaufmerksam ist (eingeschränkte Konzentrationsfähigkeit, verminderte Daueraufmerksamkeit, erhöhte Ablenkbarkeit), hyperaktiv (allgemeine motorische Unruhe) und impulsiv (unberechenbares Verhalten). Und wenn die Auffälligkeiten länger als sechs Monate bestehen und schon im Vorschulalter beobachtet worden sind.
Außerdem wichtig: Nachweisbare psychosoziale Beeinträchtigungen wie Ausgrenzungen durch die Altersgenossen, Leistungsversagen in der Schule und Probleme in mehr als einem Lebensbereich, also etwa in Familie und Schule.