Frühchen, Behinderung, schwerer Unfall
Trotz allem: ein Anlass zur Freude

Frühgeburt, schwerer Unfall, Behinderung: Was brauchen Eltern von Freunden und Verwandten jetzt am meisten? Darüber sprachen wir mit Birgit Rutz – sie berät und unterstützt Familien in schwierigen Situationen (www.hopesangel.com)

Glückwunsch-Karten alles Liebe
© iStock, delphinae

Wie kommt es, dass auch nahestehende Menschen oft verstummen, wenn beim Kinderkriegen nicht alles glatt lief?

Viele sind einfach unsicher, wie man sich richtig verhält. Andere stellen sich vor, wie es ihnen ginge, wenn ihr Kind krank oder zu früh zur Welt kommen würde. Deshalb ist es grundsätzlich eine gute Idee, wenn betroffene Eltern eine kurze Nachricht an die guten Freunde schicken: „Komm einfach, du kannst nichts falsch machen.“
 

Wenn ich mich selbst melden möchte: Wie reagiere ich, zum Beispiel, wenn meine beste Freundin ein Frühchen bekommt?

Ganz normal. Ich biete ihr meine Hilfe an. Aber ich sollte nicht erwarten, dass sie sich auch gleich meldet – sie hat vielleicht einfach zu viel um die Ohren. Eine Frühgeburt ist schließlich eine Ausnahmesituation, in die sich die Mutter erst mal einfinden muss. Als Freundin sage ich ihr am besten: Ich bin für dich da, du bist nicht allein. Und melde mich immer mal wieder.
 

Und wenn mir der Mensch nicht ganz so nahe steht?

Ist Beachtung natürlich genauso wichtig. Am schlimmsten wäre es, gar nicht zu reagieren. Eltern brauchen das Gefühl, nicht plötzlich allein dazustehen. Da sind Menschen, die nehmen trotzdem Anteil. Wir sollten uns aber unbedingt mit Floskeln zurückhalten. Bitte keine langen Geschichten von Freunden oder aus dem eigenen Leben!
 

Was könnte ich zum Beispiel auf eine Karte oder in eine Mail schreiben?

Da reichen ein paar kurze Sätze oder ein netter Spruch. Vielleicht ein: „Wir freuen uns über die Geburt Deines/Ihres Sohns. Wir wünschen viel Kraft und alles Gute!“ Oder auch: „Wir beten für Euch.“ Dann wissen die Empfänger: Wir sind umgeben von Menschen, die an uns denken.
 

Und wenn ich weiß, dass das Kind meiner Freundin behindert ist?

Sie dürfen dann ruhig sagen: „Das tut mir so leid. Ich stehe an deiner Seite, damit du für dein Kind da sein kannst.“
 

Gibt es Geschenke oder Botschaften, die tabu sind?

Es verbieten sich natürlich Präsente oder Wünsche, die unterstellen, dass das Kind nicht überlebt oder dass alles ganz schlimm wird. Glücksbringer sind okay, aber nur mit positiver Betonung. So verhält es sich mit allem, was Sie sagen. Die Situation ist schwierig, es gibt keine Worte oder Ratschläge, die sie verbessern könnten. Deshalb sind Sätze wie „Alles halb so schlimm“ oder „Das wird bestimmt wieder“ nicht angebracht. In Ordnung ist alles, was zeigt: Wir denken an dich und sind an deiner Seite. Verlier die Hoffnung nicht. Du bist nicht allein.
 

Darf ich Eltern zu einem extremen Frühchen oder einem behinderten Kind gratulieren?

Ich finde, schon. Eine Frau ist Mama geworden, das ist wunderbar. Und sie hat immer die Hoffnung, dass alles gut wird. Es ist ein schönes Ereignis. Trotz allem, was schwierig wird, wurde ein Kind geboren. Das ist ein Anlass zur Freude.