... bei dem Versuch, keine Reste zu essen
Hilfe, ich bin die Restmülltonne der Familie

Wer Kinder hat, hat Reste. Damit die nicht im Müll landen, isst unsere Autorin Christiane Börger sie selber auf. Aber jetzt ist Schluss damit!

Mama isst die Reste auf
© iStock, AleksandarNakic

Es ist eine lange Geschichte. Sie beginnt beim ersten Brei meines Ältesten. Weil ich ohnehin eine Vorliebe für matschiges Essen (Milchreis, Kartoffelbrei und Kuchenteig) habe, machte es mir damals nichts aus, Reste aus Obst- und Spaghetti-Bolognese-Gläschen zu löffeln. Wär ja schade drum gewesen! Aber die Sache hat sich verselbstständigt. Fünf Jahre später und vier Kilo schwerer esse ich angenagte Wurstbrote aus Kindergartentaschen, sammele Nudeln unter dem Esstisch ein und schiebe mir kleine Erbsenberge in den Mund, die von meinen Jungs aus dem Mittagessen seziert wurden. Ich bin zur Restmülltonne der Familie geworden.
Diese Erkenntnis ist nicht schön. Sie ist sogar ein bisschen entwürdigend. Ich traue es mich kaum zu erzählen, aber neulich habe ich aus Versehen gelbe Knete gegessen. Sie lag auf dem Tisch und sah aus wie ein kleines Stück Kartoffel. Den Rest können Sie sich denken ...
 
Nach diesem Erlebnis schwor ich mir, ab sofort kein Reste mehr zu essen. Weil Wegschmeißen keine Option für mich ist, müsste sich in unserem Leben einiges ändern, vor allem im Bereich der Resteproduktion.
 

Familienkonferenz

Weil dafür meine Kinder verantwortlich sind, berief ich eine Familienkonferenz ein. Ich appellierte an ihren Verstand und griff dabei zu Mitteln, die ich mir geschworen hatte, niemals auszupacken. Ich erzählte Geschichten von hungrigen Kindern in Afrika, die allein von unseren Resten ein ganzes Jahr leben könnten. Meine Kinder guckten ungläubig. Wenigstens Xaver gab sich die Mühe, einen Zusammenhang zwischen seinem Leben und dem der Kinder in Afrika herzustellen. „Ist Afrika auch am Bodensee?“, fragte er. Es hatte keinen Zweck.
 

Vielleicht wäre ein Hund die Lösung. Bei Freunden von uns funktioniert das prima: Nach jeder Hauptmahlzeit schickt man ihn unter den Tisch, und fertig ist die Laube. Josef wünscht sich allerdings lieber ein Huhn, Hunde machen ihm Angst. Neulich bekam er beim Anblick eines leeren Eierkartons einen Tobsuchtsanfall. Was ich denn mit dem Ei gemacht habe, das er für die Aufzucht brauche!? Mal abgesehen davon, dass wir in unserem Stadthaus nicht genügend Auslauf für ein Huhn haben, wäre es vielleicht einen Versuch wert: Hühner essen anscheinend Reste genau so gern wie Hunde. Und ein Huhn haart nicht, was es zusätzlich sympathisch macht. Aber ich schweife ab.
 

Pommes mit Pommes

Was also tun? Wenn es nach meinen Kindern ginge, würden wir auf Mono-Ernährung umsteigen: nackte Nudeln, Pommes mit Pommes, eventuell mal ein Stückchen Paprika, aber ohne Salatsoße!
Ich bin mir sicher: Ließe ich mich auf diesen Deal ein, würde bei uns nie wieder etwas übrig bleiben. Meine Ansprüche an die Alltagsküche sind nicht übermäßig hoch, aber ein bisschen ausgewogener sollte sie ja schon sein.
 

Ich koche also weiterhin Dinge, die meine Kinder nicht mögen, von mir aber für gesund befunden werden und dann natürlich liegen bleiben. Ein frustrierender Kreislauf, aber anscheinend völlig im Rahmen: Amerikanische Forscher haben ermittelt, dass Kinder im Schnitt nur 60 Prozent dessen essen, was sie sich auf den Teller laden. Diese wissenschaftliche Erkenntnis beruhigt mich irgendwie. Es sei ganz normal, dass Kinder sich zu viel auf den Teller schöpfen und gern auch Dinge, die sie eigentlich gar nicht mögen. Meine persönliche Empirie bestätigt das. Neulich saß Josef vor seinem vollen Teller, ihm liefen die Tränen herunter. „Ich hatte mir die Reispfanne aber ganz anders vorgestellt.“
 
Was sollte ich dazu sagen? Ich nahm seinen Teller – und aß ihn leer.
 

Von:Christiane Börger

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