Frühchen
Das Schweigen der anderen

Eine Frühgeburt ist für die meisten Mütter ein Schock. Noch härter traf ELTERN-Autorin Nora Wies aber die Reaktion ihrer Freunde.

Da liegt mein Frühchen
© iStock, metinkiyak
Frühstart: Kommt ein Baby vor der 37. Schwangerschafts - woche zur Welt, gilt es als Frühchen. Die Grenze der Lebensfähigkeit liegt bei etwa 24 Schwangerschafts - wochen.

Was, er ist schon da? Moment, ich muss erst mal eine rauchen.“ Es machte klick, meine Freundin Christin hatte aufgelegt. Ein Sommertag, abends um halb zehn, ich lag in einem Bett neben dem Kreißsaal, und mir liefen die Tränen übers Gesicht. Ein paar Stunden zuvor war mein Sohn per Kaiserschnitt zur Welt gekommen.

Wegen vorzeitiger Wehen lag ich da schon acht Wochen im Krankenhaus. Acht lange Wochen, in denen man jeden Tag hofft, dass das Baby auch morgen noch im Bauch ist. So hatten wir es immerhin bis in die 28. Schwangerschaftswoche geschafft.
Aber irgendwann wurde das CTG schlechter. Die Herztöne kamen immer unregelmäßiger, und plötzlich waren sie ganz weg. Julian musste sofort geholt werden. Ich nahm nur noch wahr, wie alle hektisch um mein Bett herumliefen und jemand mir eine Maske aufs Gesicht drückte, dann wurde alles schwarz. Das Schrecklichste war der Gedanke kurz vor diesem Moment: Wenn ich wieder aufwache, werde ich mein Kind tot im Arm halten.

Aber es lebte! Als ich wieder zu mir kam, lag Julian schon auf der Intensivstation. Die Ärzte meinten, sie seien zufrieden – man könne leider allerdings immer nur abwarten, was der nächste Tag bringt. Mit dieser Botschaft lag ich allein in meinem Bett, der Vater meines Babys war schon lange vor der Geburt verschwunden. Meine Eltern konnten nicht kommen, weil meine Mutter eine Krebsdiagnose bekommen hatte und zur gleichen Zeit mit einer Chemotherapie anfing.

 

Merkwürdig

Frühchen hält Mamas Hand
© iStock, lemonadelucy

Bei mir überwog in den ersten Tagen das Gefühl der Erleichterung. Dass mein Baby lebt. Und dass ich die Verantwortung los war, ihn im Bauch zu halten! Ich musste nicht mehr bei jeder Bewegung aufpassen, nun kümmerten sich die Ärzte um meinen Sohn.
Das wollte ich alles erzählen. In den Wochen vor der Geburt, als ich liegen musste, hatten mich immerhin ein paar Mitstudentinnen besucht, Kuchen, Bücher und Filme mitgebracht. Nach der Geburt kam keiner mehr. Dabei musste ich doch von dem kleinen Wunder berichten, von Julian, dem es den Umständen entsprechend gut ging. Mit seiner roten schrumpeligen Haut sah er aus wie ein aus dem Nest gefallenes Vogelbaby, so winzig und unglaublich leicht ... aber für mich war er perfekt.

Christin, meine beste Freundin, legte auf, als sie von der Frühgeburt erfuhr. Und meldete sich über einen Monat nicht mehr bei mir. Andere Schulfreunde und Studienkollegen stellten sich tot oder hatten gerade keine Zeit, sich meine Geschichte anzuhören: „Du, ich kann jetzt nicht, ich ruf dich später mal an.“ Oder sie umschifften die Tatsache, dass es mir nicht toll ging, mein Kind viel zu früh kam, mein Freund weg war, die Mutter krank und ich nicht wusste, wie es mit meiner Ausbildung weitergeht. Aufheiterungversuche wie „Wow, damit kannst du ja bei RTL auftreten“ halfen mir auch nicht besonders. Trotzdem wären mir von meinen engsten Freunden verletzende Formulierungen lieber gewesen als gar nichts.
Es dauerte etwa vier Wochen, dann kamen die ersten vorsichtigen Nachfragen. Lebt er noch?

 

Gesucht: Nähe - Frühgeborene brauchen besonders viel Nähe und Körperkontakt. In den meisten Krankenhäusern in Deutschland können Eltern ihre Kinder rund um die Uhr besuchen.

Na, Gott sei Dank, dann können wir ja langsam eine Karte schicken.
Warum fällt es so schwer, die Gefühle mit jemandem zu teilen, der sich in einer schwierigen Situation befindet? Wollten sie mich nicht stören? Hatten sie Angst vor dem Anblick meines Kindes mit den vielen Kabeln und Schläuchen? Konnten zufällig wirklich alle gerade nicht?
In der Schwangerschaft hatten noch viele versprochen zu helfen. „Wenn du was brauchst, meld dich. Ich bin für dich da“ – das hatte ich öfter gehört. Aber nach der Geburt: Funkstille. Bei Christin war die Enttäuschung am größten. Wollte ich mit einem Menschen befreundet sein, der davonläuft, wenn’s schwierig wird?
Am meisten haben mir die Krankenschwestern geholfen. Sie fragten immer wieder nach uns und kamen mich sogar an ihren freien Tagen besuchen. Eine von ihnen nahm nach einiger Zeit Kontakt mit Christin auf. Sie merkte, wie wichtig das für mich war.
Irgendwann traute sich Christin dann doch zu kommen. Es kostete sie offenbar große Überwindung, uns im Krankenhaus zu besuchen. Sie habe einfach Angst gehabt, etwas falsch zu machen, sagt sie heute.
So ähnlich hörte ich das auch von anderen: Wir waren unsicher, wir wussten doch nicht, was wir zu dir sagen sollen. Ob ein Geschenk angebracht ist oder nicht. Selbst eine nette Karte hielten viele für falsch. Was, wenn mein Sohn doch nicht überlebt?
Ganz bestimmt geht es nicht nur mir so. Andere Frühchen-Eltern berichten ja Ähnliches. Genauso geht es Müttern und Vätern mit einem behinderten oder chronisch kranken Kind. Fast alle wünschen sich, dass ihre Freude, aber auch die Sorgen von ihren Freunden und Verwandten geteilt werden. Eigentlich wäre es so einfach: besser offen zu allen Gefühlen stehen und auch die Unsicherheit artikulieren – aber nicht einfach verstummen.

Wir haben mit Birgit Rutz von www.hopesangel.com darüber gesprochen, wie Familie, Freunde und Bekannte auf ein Frühchen oder auch ein behindertes Kind reagieren können.
 

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